„Jede_Frau“: Agota Lavoyer erklärt in ihrem neuen Buch das System der sexualisierten Gewalt.
Dieses Buch tut beim Lesen wirklich weh, weil es uns dort erwischt, wo es unangenehm ist: bei unseren gedankenlosen Gewohnheiten, die „eh nicht bös gemeint“ sind. Die Schweizerin Agota Lavoyer ist Expertin für sexualisierte Gewalt und Bestsellerautorin und will uns mit Jede_ Frau (der Unterstrich wird hier gewählt, um alle Frauenidentitäten mitzumeinen) vor Augen führen, wie sehr unsere Gesellschaft sexualisierte Gewalt verharmlost und normalisiert.
Umfassende Beispiele für Gewalt
Fragwürdig. Das reicht von fragwürdigen FlirtTipps in Frauenzeitschriften über alte Sprichwörter à la „Liebe tut weh“ bis hin zur Verharmlosung von möglichen Straftaten, wenn es um Lieblingskünstler geht.
Sachlich. Das spannende und wichtige an diesem Buch: Lavoyer schreibt nicht nur sachlich, dort wo es nötig ist, sondern hat ganz umfassend recherchiert. Ihr geht es nicht um einen Fingerzeig, eine Verteufelung, sondern darum, Strukturen aufzuzeigen:
Dass es bei sexualisierter Gewalt selten um Sex wirklich geht, nicht darum, was eine Frau anhat, wie spät sie unterwegs war. Sondern darum, dass wir in einer Gesellschaft leben, die die sogenannte „Rape Culture“ aktiv unterstützt. Wer Zweifel hat, kann Frauen nach ihren Eindrücken fragen. Denn jede Frau hat traurigerweise etwas zu dem Thema zu sagen.
Judith Leopold
»Der Fall Teichtmeister ist kein isolierter, unglücklicher Einzelfall«
Die bekannte schweizer Expertin Agota Lavoyer im oe24-Talk
oe24: Ist die größte Gemeinsamkeit aller Frauen, dass sie im Laufe ihrer Leben sexualisierte Gewalt erfahren?
Lavoyer: Ja, die Frage ist nicht, ob eine Frau mal sexualisierte Gewalt erfährt, sondern bloß wann und von wem. Die tief verankerte Frauenfeindlichkeit, führt zum fehlenden Schutz
oe24: Teichtmeister, Lindemann &Co -wieso glaubt die Gesellschaft oft lieber Tätern bzw. Beschuldigten als den Opfern?
Lavoyer: Männer leben in komplizenhaften Männerbünden und ziehen einander nicht in die Verantwortung. Als Gegenleistung gibt es Macht und Privilegien. Das Bild, dass Frauen über sexualisierte Gewalt lügen würden, ist nicht nur irrational, sondern erwiesenermaßen falsch und zutiefst frauenverachtend.
oe24: Der Fall Teichtmeister hat uns in Österreich sehr beschäftigt. Da geht es gleich um zwei massive Dinge: Um Kinder als Opfer und noch dazu um eine unvorstellbare Menge an Daten – wieso erschüttert das nicht das ganze System?
Lavoyer: Weil wieder so getan wird, als handle es sich bei Teichtmeister um einen isolierten, unglücklichen Einzelfall, ein Zufallsdelikt. Dabei wird ignoriert, dass das riesige Ausmaß sexualisierter Gewalt, auch an Kindern, nicht ein bedauernswertes aber nicht verhinderbares Übel sind, sondern System haben.
oe24: Sie bringen immer wieder -meist entsetzliche -Beispiele, wie in Medien Gewalt an Frauen relativiert, schöngeredet wird. Wie sollen Medien über sexualisierte Gewalt besser berichten?
Lavoyer: Benutzt keine verharmlosenden Umschreibungen, impliziert nicht, dass die Gewalt hätte verhindert werden können, wenn sich das Opfer anders verhalten hätte. Lasst Betroffene zu Wort kommen. Stellt sexualisierte Gewalt nie als Einzelfälle dar, schließt die Kommentarspalten.












