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Startseite » Expertin: So groß ist die Gefahr einer Pilz-Epidemie
Welt

Expertin: So groß ist die Gefahr einer Pilz-Epidemie

MitarbeiterBy MitarbeiterOktober 9, 2024
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Expertin: So groß ist die Gefahr einer Pilz-Epidemie

Invasive Pilzinfektionen, die immungeschwächte Patienten betreffen und oft tödlich enden, rücken zunehmend in das Zentrum des Interesses.  

Eine immer wieder im Raum stehende Pandemie durch Pilzerkrankungen sei jedoch „unwahrscheinlich“, betonte die Innsbrucker Mykologin Michaela Lackner im APA-Gespräch. Epidemien wären hingegen „durchaus realistisch“. In puncto Resistenzen von Pilzerregern gegen Medikamente liege Österreich in einem „guten Bereich“, man müsse aber „vorbauen“.

Weltweit sind etwa 1,7 Milliarden Menschen von Pilzinfektionen betroffen, mehr als 1,5 Millionen dieser Erkrankungen verlaufen tödlich. Rund 130.000 Pilzerkrankungen gibt es jährlich in Österreich, hauptsächlich würden Menschen erkranken, die „schon schwer erkrankt sind“, etwa Lebertransplantierte Patienten oder an Blutkrebs Erkrankte, sagte Lackner, Professorin für Experimentelle Mykologie an der Medizinischen Universität Innsbruck und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für medizinische Mykologie. Komme die Pilzinfektion hinzu, liege eine wesentlich höhere Sterblichkeit vor.

Geringe Gefahr in Österreich

Bezüglich möglicher Epidemien erinnerte die renommierte Expertin an zwei Schimmelpilz-Epidemien, die sich im Zuge der Corona-Pandemie in Indien und Brasilien abgespielt hätten. Dabei habe es „große neue Patientengruppen gegeben, die für solche Pilzinfektionen empfänglich waren.“ Damit einher gingen Ausbrüche in Krankenhäusern, bei denen es zur Übertragung von Patient zu Patient bzw. von Pflegepersonal zu Patient gekommen war. Für Österreich sah Lackner die Gefahr von solch größeren Ausbrüchen – nicht zuletzt angesichts vergleichsweise wesentlich besserer hygienischer Standards in den Krankenhäusern – als eher nicht gegeben an. Aber kleinere Ausbrüche bzw. Infektionscluster seien möglich.

„Es besteht kein Grund für Alarmismus“, machte die Mykologin klar. Nicht zuletzt deshalb, weil die Situation in Österreich, vor allem was die Problematik der zunehmenden Resistenz, das heißt Nicht-Wirksamkeit, von Pilzmedikamenten gegen Pilzerreger betrifft, noch bei weitem nicht so bedenklich sei wie anderswo. Die Resistenzen hierzulande würden großteils nach wie vor im niederen einstelligen Bereich liegen. Bei Azolen etwa – diese werden als wichtigste und größte Substanzgruppe sowohl in der Humanmedizin, wie auch in der Veterinärmedizin und der Landwirtschaft vor allem gegen Hefepilz-Infektionen eingesetzt – beträgt die Resistenz rund vier Prozent. Der Trend bei den Resistenzen global gesehen sei aber klar: Dieser gehe nach oben. So habe man es in Europa etwa in den Niederlanden und in Großbritannien bereits mit zweistelligen Resistenzen und entsprechend höheren Todesraten zu tun. Auch in Österreich sei eine solche Entwicklung nicht ganz ausgeschlossen, auch wenn man derzeit noch „relativ weit davon entfernt ist.“ Ein „therapeutischer Engpass“ wie in diesen Ländern drohe hierzulande auch mittelfristig nicht, so die Expertin: „Bei uns ist das unwahrscheinlich. Global schaut es jedoch anders aus.“

Therapeutische Lücken 

Gleichzeitig weise man aber auch bei uns „therapeutischen Lücken“ auf, etwa im Bereich der Schimmelpilze. Generell gelte: Es gibt ein Problem aufgrund der immer häufigeren seltenen Pilz-Erkrankungen, die „schwierig therapeutisch zu adressieren“ seien und bei denen von vornherein eine Resistenz vorliege sowie aufgrund „unvorhergesehener Mutationen und neuen Ausbruchskeimen.“ Deshalb müsse man sich entsprechend vorbereiten und in die „Vorbauphase“ übergehen, unterstrich die Expertin.

Einerseits gehörten dazu im präventiven Bereich gute Hygienemaßnahmen, eine gute Therapie der Grunderkrankungen plus ein gezielter Einsatz von Medikamenten. Hinzu müsse man sich des Problems widmen, dass Substanzklassen wie Azole nicht nur in der Humanmedizin, sondern etwa auch in der Landwirtschaft verwendet werden. Diese breite Verwendung trage schließlich maßgeblich zur Entwicklung von Azol-resistenten Pilzen bei, erklärte Lackner, die für einen „One-Health-Ansatz“ plädierte. Man müsse einen „Schritt weg von industrieller Erzeugung“ gehen, gewisse Substanzklassen sollten für die Humanmedizin reserviert sein, auch wenn dies einen „Balanceakt“ bedeute.

Nicht zuletzt und vor allem gehe es darum, die „nächste Generation von Azolen“ zu finden bzw. neue Substanzen zu entwickeln, die nicht resistent gegen neuartige Pilzerreger seien. Dabei ist laut Lackner klar: „Die Wunderwaffe gegen die neuen Erreger werden wir nicht so schnell aus dem Ärmel zaubern.“ Aber die Medizinische Universität Innsbruck sagte den Resistenzen gegen Pilzmedikamente jedenfalls den Kampf an und legte heuer ein Doktoratsprogramm auf, konkret das neue, interdisziplinäre PhD-Programm MYCOS, das kürzlich unter der Federführung Lackners gestartet worden war. 11 PhD-Studenten, neun von der Medizinischen Universität Innsbruck und zwei von der Leopold Franzens Universität Innsbruck, wurden dafür rekrutiert, zwei Millionen Euro investiert, damit in den kommenden drei Jahren neue Erkenntnisse zu Resistenzmechanismen und Therapieoptionen gewonnen werden. Zwölf etablierte Forscher beider Universitäten bilden dabei einen neuen mykologischen Forschungscluster, in dem der Standort Innsbruck zu einem stärkeren, international anerkannten mykologischen Forschungszentrum ausgebaut werden soll.

Sollten gute Substanzen erforscht werden, gehe es in weiterer Folge darum, diese in klinischen Studien umzusetzen, unterstrich Mykologin Lackner. Bei optimalem Verlauf könnten die Substanzen bzw. Medikamente dann in rund zehn Jahren „am Patienten“ eingesetzt werden. Die größte Herausforderung sei dabei, Substanzen zu finden, die den Pilz größtmöglich schädigen und gleichzeitig nicht die Patienten, spielte die Forscherin auf mögliche Nebenwirkungen an. Essenziell sei jedenfalls auch eine entsprechende Bereitschaft zu Bereitstellung von Fördergeldern für ein solch großes Vorhaben durch die staatliche Seite als auch die Industrie – schließlich wäre allein für eine klinische Studie ein zweistelliger Millionenbetrag vonnöten.

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