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Österreich

„donaufestival“ bot Räume für Kapellen, Körper und Kollektive

MitarbeiterBy MitarbeiterMai 4, 2025
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„donaufestival“ bot Räume für Kapellen, Körper und Kollektive

Während Regina José Galindo die Kremser Innenstadt bespielte, kombinierte Deva Schubert Bewegungen und Stimmen.

Das Einnehmen und gleichzeitige Infragestellen von Räumen spielte am zweiten Tag des diesjährigen donaufestivals eine zentrale Rolle. So wurden die Menschen in der beschaulichen Kremser Innenstadt nicht nur Zeugen einer rückwärts gehenden Marschkapelle, auch die ökonomischen wie politischen Dimensionen der Donau wurden hinterfragt. Und das Messegelände als gemeinsamer Tanzraum unterschiedlicher Intensität gab es natürlich auch noch.

Im Rückwärtsgang gegen Diktaturen

Es war ein spezielles Bild, das die guatemaltekische Künstlerin Regina José Galindo bei strahlendem Sommerwetter in die Fußgängerzone stellte: Selbst mit Tambourstab ausgestattet, führte sie eine rund zwei Dutzend Personen umfassende Marschkapelle, völlig in Schwarz gekleidet, durch die enge, von Schanigärten und Verkaufsständen gesäumte Gasse – und zwar im Rückwärtsgang. Was für manche Zaungäste wohl wie ein verspäteter Gruß zum 1. Mai wirkte, war als Replik auf diktatorische Systeme und kriegerische Konflikte zu lesen. Eine subtile Intervention, bei der Eingeweihte mit Uneingeweihten marschierten und der öffentliche Raum zum ungezwungenen Austausch genutzt wurde.

Eine andere Arbeit, die indirekt auf örtliche Gegebenheiten replizierte, war Maria W Horns „Panoptikon“: Die Sound- und Lichtinstallation im Kapitelsaal der Minoritenkirche setzte in erster Linie auf eine Kombination aus Stimmharmonien und sanft akzentuiertem Farbwechsel. Entstanden ist das Werk im panoptischen Gefängnis der nordschwedischen Stadt Luleå. Mittlerweile verlassen, recherchierte Horn zum Gebäude und den Insassen, die sich nicht sehen konnten, aber zu Gottesdiensten einmal pro Woche gemeinsam singen durften.

Gemeinsames Singen im Gefängnis

„Ich wollte mehr über den alltäglichen Ablauf im Gefängnis erfahren“, beschrieb Horn im APA-Interview ihren Antrieb. Räumlich isoliert, gab es für die Insassen durch das kollektive Singen der Kirchenlieder eine Form der Gemeinsamkeit – wenn auch nur für kurze Zeit. Dass sie „Panoptikon“ nun in einem ehemaligen Kloster und in nächster Nähe zu einem tatsächlichen Gefängnis zeigen könne, sei ein besonderer Zufall. „Man spürt die Geschichte des Raumes“, verwies Horn auf den Kapitelsaal.

Im Klangraum Minoritenkirche spielte die Musikerin später ein intensives, dabei durchaus meditativ angelegtes Set, das sich zu einer klugen Lichtshow allen voran aus massiven Soundwänden mit minimalen Verschiebungen zusammensetzte. Gerne probiere sie in solchen Settings auch neues Material, gestand sie. „Es ist wichtig, dass du diesen Prozess mutig und geduldig angehst. Das Aufeinandertreffen mit dem Publikum kann sehr lohnend sein. Aber du kannst nicht nur diesem schnellen Erfolg nachgeben, sondern musst integer bleiben. Die Musik braucht Zeit, sich zu entwickeln. Das ist immer ein Balanceakt.“

Anziehende Verletzlichkeit

Balance einer anderen Art hielt Deva Schubert in „Silent Spills II“: Die Berliner Tänzerin und Choreografin setzte sich in ihrem neuen Werk mit dem weiblichen Körper auseinander, wobei sie Bewegungen und Stimmen zu einer sich ständig entwickelnden Einheit verschmolz. Gemeinsam mit Camilla Schielin ging es so im Forum Frohner entlang von zwei Podestreihen, auf denen sich das Publikum drängte, mit sehr vorsichtigen Schritten um das Erkunden des Körpers und seines Verhältnisses zum Raum. Dabei immer spürbar: Ein sich Öffnen und verletzlich Machen. „Excuse my transparency“, flüsterte Schubert eingangs in eines der quer im Raum verteilten Mikrofone.

Nicht die intime Geste, sondern das große Ganze hatte hingegen God’s Entertainment im Blick: Für das donaufestival hat das Performancekollektiv mit „DU DU DA DA NA NA NAH“ eine mannigfaltige und gewohnt verspielte Arbeit entwickelt, die die Donau als Lebens-, Wirtschafts- und Machtraum durchdekliniert. Zunächst durfte man in kleinen Gruppen ein auf Rädern gestelltes Tretboot entern, mit dem eine kleine Rundfahrt durch den nahen Stadtpark anstand. Quasi klassisches Sightseeing mit dem Zusatzeffekt, dass über Kopfhörer eine ungemeine Dichte an Daten und Fakten zur Donau und die durchflossenen Gebiete abgesondert wurde.

Stärkung gab es in den rund 20 Minuten natürlich auch, ein kleiner Snack wurde den Reisenden angeboten und zum Abschluss gemeinsam mit Sekt aus der Dose die Eroberung des unruhigen Gewässers gefeiert. Insgesamt amüsant, kurzweilig und lehrreich, wenngleich von den tretenden Performerinnen und Performern einiges an Durchhaltevermögen verlangt wurde. Am Messegelände ging die Donauerkundung dann ins Finale: Ferngesteuerte Schlagstöcke hämmerten auf unzählige Fässer rhythmisiertes Zahlenmaterial zum Fluss – ein wenig Einlesezeit ist für diesen Teil der Installation von Vorteil. Und im begehbaren Aquarium ließ sich das Gelernte bei einem Schlückchen Aquavit diskutieren.

Sounds zwischen Diskursrock und elektronischem Abriss

Und die Musik? Gab es natürlich auch reichlich am zweiten Festivaltag, wobei stilistisch ein weites Feld aufgemacht wurde: Richie Culver mimte zu kantigen Beats den ernsten Poeten der Arbeiterklasse, während die Münchner Formation F.S.K. Diskursrock alter Schule servierte – augenzwinkernd, aber auch ein wenig aus der Zeit gefallen. Die Tanzschuhe mussten hingegen für Sega Bodega geschnürt werden, allerdings hatten seine eher gediegenen Beats keine Chance gegen Aya Sinclair. Die britische Produzentin ballerte sich durch ein Set voller Ekstase und Humor, das zum Drüberstreuen mit feinen Visuals von MFO alias Marcel Weber garniert wurde. Ein Abriss sondergleichen, der sicherlich noch lange nachhallen wird.

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