Schön war die Zeit – Und sie bewegen sich nicht

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Sollte es ein Wort geben, ohne das die Werbebranche einpacken könnte, es wäre “neu”. Inflationär auf Plakaten und Bildschirmen eingesetzt, steht neu! für Dynamik, Fortschritt, Steigerung: Das Neue verdrängt das Alte. Ganz einfach, weil es besser ist. Angeblich.

Interessant, aber: Im Mittelalter sah man das anders. Nach dem damaligen Dafürhalten war die Welt bereits vollendet, ein Fortschritt unnötig. Das Morgen wurde nicht als ein besseres Heute herbeigesehnt; man betrachtete die Zeit als eine Art Kreisverkehr, der den Menschen Jahr für Jahr Frühling, Sommer, Herbst und Winter und die damit verbundenen Rituale wiederbrachte. Das Neue galt dabei eher als Störenfried.

Internet des kleinen Mannes

Nun wäre es ein Blödsinn, diese Meinung heute zu vertreten, denn Fortschritt steigert den Lebenskomfort. Wer das bestreitet, soll sich einmal unter das Messer eines mittelalterlichen “Zahnarzts” legen. Und ganz abgesehen davon: Eine Totalverweigerung des Fortschritts wäre ein Kampf gegen Windmühlen. Der Wind des Wandels bläst heftig und unaufhaltsam in der heutigen Hektomatikwelt.

Dennoch verständlich, dass ihm manche Zeitgenossen zwiespältig gegenübersteht. Bringt die Veränderung wirklich nur Gutes? Das lässt sich, Stichwort Klimawandel, durchaus bestreiten. Zum anderen geht es auch um Psychologie. Der Essayist Francis Bacon hat einmal behauptet, dass einen der berufliche Aufstieg eines Kollegen darum stört, weil man sich im gleichen Maße herabgesetzt fühlt. Analog dazu könnte man behaupten: Je mehr Neuheiten in den eigenen Alltag dringen und geliebte Lebensgewohnheiten in Frage stellen, desto älter fühlt man sich selbst.

Da ist es tröstlich, dass sich gewisse Dinge nie ändern. Seltsam, aber: Während das 56k-Modem über die Jahre zur Breitbandleitung mutiert ist und die Musikkassette zur Spotify-Playlist, sind gewisse Begleiter des Alltags unverändert geblieben und scheinen unsterblich zu sein.

Leider: Eine Tageszeitung namens “Wiener Zeitung” gehört nicht in diese privilegierte Gruppe, sie wird an diesem Freitag wohl auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Ein gutes – und rätselhaftes – Beispiel für diese Ewigkeitsdinge ist allerdings der Teletext. Hätte man dieses “Internet des kleinen Mannes” nicht längst abdrehen können? Stimmt zwar, für Hörbehinderte leistet es wertvolle Dienste. Aber für die Nachrichtenjunkies des Landes? Nur so zum Beispiel: Wer versucht, auf Seite 127 des ORF-Teletext zu landen, kann bis zum Erreichen des Wunschziels im ungünstigen Fall eine ganze Zeitung auslesen. Hinzu kommt, dass eine Teletextseite weit weniger Information beherbergt als ein mittelgroßer Zeitungsartikel – und dass die grafischen Elemente ungefähr so klobig aussehen wie die “Bilder” eines Sinclair-Computers.

Ein Überlebenskünstler unter den Blättern des Landes ist “Die ganze Woche”. Ich erinnere mich noch gut an ein Werbeschild aus den 80er Jahren, eine Fotocollage mit Reliefeffekt. Darauf prangten unter anderem ein kämpferischer Thomas Muster, ein grüblerischer Peter Handke, eine schalkhafte Christine Nöstlinger und ein kaltschnäuziger Niki Lauda. Die Hälfte dieser VIPs ist heute tot; das Schild steht gleichwohl noch heute vor mancher Trafik.

Auch anderweitig, so scheint es einem beim Durchblättern, blendet “Die ganze Woche” unersprießliche und unübersichtliche Entwicklungen des Weltenlaufs eher aus. Da gibt es eine Beilage, die das Fernsehprogramm liebevoll aufbereitet – doch nur das lineare; da wimmelt es in der Heftmitte vor Rätseln zum Zeittotschlagen; und da will auf der letzten Seite ein Abo-Bestellschein entlang der strichlierten Linie ausgeschnitten, ausgefüllt und postalisch versendet werden. Internet, was ist das?

Vor allem strotzt das Heft mit der leserfreundlichen Buchstabengröße vor Berichten über die zeitlosen Schönheiten des Planeten (“Früchte aus Nemos Garten”) und über die Eigenheiten seiner menschlichen Bewohner, besonders betagter Prominenter. Heino verriet da jüngst einen Trick aus seinem Eheleben: Wenn ihn die Gattin schimpft, entfernt er listig sein Hörgerät. Eine Pointe, ein Artikel, eine Wochenzeitschrift für die Ewigkeit.

Für immer in Braun-Orange

Will man sich den Fortschritt nicht nur journalistisch, sondern ganzheitlich vom Leib halten, empfiehlt sich nichts so sehr wie der Besuch einer Wiener Badeanstalt. Das Kongreßbad mit seinen rot-weißen Brettern; das Schafbergbad mit den markant gefärbten Becken: Seit Ewigkeiten unverändert (gut, am Schafberg gibt’s seit 2000 eine neue Wasserrutsche), üben sie die Wirkung eines Jungbrunnens auf ihre Stammgäste aus. Wenn die geometrischen Betoninseln im blauen Becken immer noch haargleich aussehen wie 1983, dann kann, ja, dann muss es sich bei den Falten im eigenen Gesicht um eine optische Täuschung handeln.

Auch kulinarisch steht die Zeit in den Bädern eher still. Müsste sich der Trend zu einer fairen, nachhaltigen Ernährung nicht längst bis zu den Schwimmparadiesen durchgesprochen haben? Mitnichten. Dort dominieren weiter Pommes, so tief in Ketchup getaucht, dass sich selbst Mikado-Meister beim Verzehr die Finger anpatzen. Auch im Süßwarensortiment wenig Überraschung: Hier bekommt man es noch, das legendäre “Double Dip” – zwei Pulver in Papierverpackung in den behaupteten Geschmacksnoten Kirsche und Orange, so naturfern hergestellt, dass man wohl schon in den 80ern eine Packung für den eigenen Nachwuchs in spe hätte kaufen können – im Schwimmbad oder etwa auch beim Buffet im Pötzleinsdorfer Park, einer weiteren Insel der Zeitvergessenheit.

Apropos: Dass die Markise der dortigen Hütte immer noch orange-braun gestreift ist, wird an dieser Stelle niemanden verwundern. Nur eine Facebook-Seite hat es heute, das Buffet im Pötzi. Man muss ja zumindest ein bisserl mit der Zeit gehen.

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