Interview zu Nahrungsergänzungsmitteln: Es kann ja nicht schaden

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WZ I Julia Strohdorfer

Sollte der Durchschnittsmensch Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen? 

Kurt Widhalm

Ich möchte den Durchschnittsmenschen als gesunde Person definieren: ausgewogene Ernährung und einigermaßen physisch aktiv. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Solche Personen benötigen keine Nahrungsergänzungsmittel. 

Das heißt natürlich nicht, dass es keine guten Gründe für die Einnahme gibt: vegane Ernährung, nach operativen Eingriffen oder Chemotherapien, bei entzündlichen Darmerkrankungen oder auch ältere Menschen können durchaus von Supplementen profitieren, da sie oft labortechnisch nachweisbare Mängel aufweisen. 

WZ I Julia Strohdorfer

Wieso tendieren ältere Menschen zu Mangelerscheinungen? 

Kurt Widhalm

Einerseits nimmt die Aufnahmefähigkeit von Nährstoffen des Körpers mit zunehmendem Alter ab, beispielsweise durch gastrointestinale Probleme. Andererseits spielt auch der Lebensstil mit: Wenn ich nicht mehr so gut kauen kann, nehme ich eher weiche Speisen zu mir und ernähre mich einseitig. Studien, die wir in Wien gemacht haben, zeigen, dass in Altersheimen die Unterversorgung mit Vitaminen leider sehr häufig ist. Der Speiseplan in Altersheimen ist leider auch nicht gerade ausgewogen oder vitaminreich. Oft ist daher eine Supplementierung von Eiweiß, Eisen, Vitamin B12 und Vitamin D sinnvoll, sollten Unterversorgungen durch einen Bluttest nachgewiesen sein.

WZ I Julia Strohdorfer

Wie sieht es beim Gang ins Fitnesscenter aus – sind Proteinshakes sinnvoll? 

Kurt Widhalm

Bei einem zweistündigen Fitnesstraining ist eine extra Proteinzufuhr grundsätzlich nicht notwendig. Bei einer achtstündigen Bergtour allerdings sind Elektrolyte, Eiweiße und Mikronährstoffe sinnvoll und sogar notwendig. Es kommt schlicht auf die Intensität des Trainings an.

WZ I Julia Strohdorfer

Bei welchen Inhaltsstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln ist besondere Vorsicht geboten? 

Kurt Widhalm

Kreatin oder Vitamin E sind in größeren Mengen schädlich, auch Kalzium sollte nicht zu viel zugeführt werden. Besonders Raucher sollten beispielsweise bei Beta-Carotin aufpassen, da bei zu hoher Konsumation ein erhöhtes Krebsrisiko besteht.  

Aber es muss nicht gleich Krebs sein: Auch Herzrhythmus-Störungen, Schädigungen des Nierengewebes und Einschränkungen der Muskelfähigkeit sind Nebenwirkungen, die bei einer Überdosis von Nahrungsergänzungsmitteln auftreten können. 

Daher sollte hier ein großes Umdenken stattfinden: Nahrungsergänzungsmittel sollten nicht wie Süßigkeiten eingenommen werden. 

WZ I Julia Strohdorfer

Wie sehen Sie die derzeitige Regulierung von Nahrungsergänzungsmitteln in Österreich?

Kurt Widhalm

Das größte Problem der Gesetzgebung ist, dass bei der Anmeldung eines neuen Nahrungsmittelergänzungsprodukts keine Studien verlangt werden. Sie gelten nicht als Medizin, sondern als Lebensmittel. Das heißt, ich muss nicht nachweisen, ob es Nebenwirkungen gibt oder ob es überhaupt wirkt. Das sehe ich als große Sicherheitslücke, die geschlossen werden sollte. 

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