“Bruegel und seine Zeit” – Beobachtung und Erfindung

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In das fantastisch moderne Experiment der grafischen Künste in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts führt “Bruegel und seine Zeit”. Die Ausstellung ist in der Albertina nach langen Jahren und zahlreichen Restaurierungen der etwa 90 Blätter entstanden.

Durch die Folgen zahlreicher Kriege und vor allem die protestantische Reform kam es zu starken Umbrüchen in Europa, die auch die Kunst nach Mittelalter und Renaissance völlig veränderten. Vor allem der Manierismus konnte sich in mehreren Städten der “Niederen Lande” entwickeln. Er führte zur Autonomie der Zeichnung, die Künstler arbeiteten für das erstarkte Bürgertum und erlebten die erste Phase eines freien Kunstmarkts. So konnten auch die Themen von religiöser Dominanz mit Moralsatiren abwechseln, aber auch Landschaften, Stadtansichten und Alltagsbeobachtungen kamen vor. Selbst biblische Sujets bekamen einen sozialkritischen Unterton, gelehrtes Wissen mit Anregungen aus Italien und somit auch aus der Antike wurden wesentlich.

Tolles Treiben

Dazu kamen die von Kunstschriftsteller Karel van Mander den wahren Lebensbildern gegenübergestellten fantastischen Erfindungen, die mit einem bekannten Namen beginnen, nämlich Hieronymus Bosch. Sein “Baummensch”, auch wenn Detail aus einem bekannten Altar, löste kurz nach 1500 als erste autonome Zeichnung bei seinen Kollegen und Nachfolgern, vor allem Pieter Bruegel und Söhne, einen Boom aus. Schon damals war das Publikum fasziniert von den Mischwesen und dem tollen Treiben der Menschen mit höllischen Dämonen, aber auch einfachen “Drolerien mit Mann im Korb”, wobei dessen entblößter Hintern von einem Mann mit Mandoline gedroschen und von einer verschleierten Frau (Nonne?) erschreckt beobachtet wird.

Karikierte Bettler oder Geisteskranke weisen klar auf soziale Missstände in der ersten Phase eines aufkeimenden Kapitalismus hin. Pieter Bruegles “Die großen Fische fressen die kleinen” oder seine “Trägheit” sprechen bis heute eine deutliche Sprache. Jacques de Gheyn nutzt das Thema Vorhölle für sexuelle Späße. Die Arbeit von Gärtnern, Bauern, Soldaten und Hirten wird interessanter als Hofszenen.

Das wohl berühmteste Blatt ist die gezeichnete Kritik, die Pieter Bruegel etwa 1566 für seine Käufer parat hatte, folgt dem ernsten Selbstbildnis mit Pinsel doch der Einfaltspinsel als Käufer, der durch Brille wenig sehend, linkischer Armbewegung mit Hand an der Börse, dazu leicht geöffnetem Mund als vertrottelter Gaffer dasteht. Der autonome Künstler setzt die tragende Rolle der Zeichnung als Ideenträger durch, auch wenn einfache Szenen mit Bauern, stillenden Müttern oder Musikern dargestellt sind.

Herzog Albert von Sachsen-Teschen und Erzherzogin Marie-Christine haben als Statthalter der Niederlande an die 3.500 Zeichnungen gekauft. Damit hat die Albertina in diesem Bereich die bedeutendste Kollektion, was zu einer ersten Station der Schau im Cleveland Museum of Art führte. Viele Blätter sind im typischen Stil der Helldunkel-Lavierung in Tusche auf farbigem Papier, Kohle, schwarze und weiße Kreide, wie auch Rötel, machen die experimentelle Vielfalt aus. Die Strichführung, auch wenn an der Antike orientiert, wird zur speziell dynamischen Schraffur.

Hendrick Goltzius’ subtile Porträts treffen auf seinen wunderbaren Bacchus in Sepiatusche. Jan van der Straet, Maarten van Heemskerck oder Maerten de Vos ließen sich in Rom und Florenz anregen. Manche Blätter sind erstmals zu sehen, so die riesigen Entwürfe zu Glasfenstern zum Thema “Wurzel Jesse” von Jan de Beer, aber auch Jacques de Gheyns “Ecce homo” mit Pilatus und tierisch anmutenden Soldatengesichtern.

Bei Abraham Bloemaert, Cornelis van Haarlem und Joachim Wtewael bricht der Manierismus völlig durch: Die Räume erweitern sich, eine “Taufe Christi” verschwindet hinter sich windenden gedrehten nackten Körpern, die Proportionen längen sich elegant, Schraubenbewegung und pathetische Geste wird Pflicht.

Dazu kommen wissenschaftliche Kartografien, menschenleere Wälder, ein Neptun mit Muschelhut und jede Menge Narren.

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