Von der Verlegenheitslösung als ÖVP-Chef zum Bundeskanzler der Republik Österreich. Der Christian Stocker bevorstehende Karriere-Schritt ist dann doch eher ungewöhnlich, das umso mehr, als sich der Rechtsanwalt gar nicht so sehr darum gerissen hat, kurz vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters karrieretechnisch abzuheben wie eine Rakete. Aber wenn Stocker für etwas steht, dann für Stabilität. Das dürfte in der volatilen Dreier-Koalition von Nutzen sein.
Ein Strahlemann, wie es etwa Sebastian Kurz (ÖVP) war, ist Stocker nicht, eher der klassische Mann im Hintergrund, dem persönliche Eitelkeit fremd scheint oder der sie sich zumindest nicht anmerken lässt. Sein größter Ehrgeiz soll gewesen sein, das Bürgermeister-Amt seiner Heimatstadt Wiener Neustadt einzunehmen. Als dieses dann der ÖVP tatsächlich zufiel, musste er als Stadtparteichef zur Seite treten und VP-Landtagsklubchef Klaus Schneeberger das Amt überlassen. Großes Murren darüber ist nicht überliefert.
Stockers Vater war Abgeordneter
Die Politik war Stocker in die Wiege gelegt. Schon sein Vater Franz Stocker, ein Christgewerkschafter, saß im Nationalrat, davor im Bundesrat. Stocker junior studierte Jus und baute sich eine Anwaltskanzlei auf, in der heute sein Sohn tätig ist. Auch die Tochter des VP-Chefs ist Juristin.
Nebenbei engagierte er sich in der Kommunalpolitik. 1990 zog er in den Wiener Neustädter Gemeinderat ein, später wurde er Klubobmann, Stadtrat und Erster Vizebürgermeister. Stocker wirkt zwar korrekt bis steif und ist nicht unbedingt für Späße bekannt, sucht aber durchaus die Volksnähe. Jahr für Jahr zieht er mit der Aktion “Fassl fürs Gassl” durch seine Heimatstadt. Diese Woche wurde via “Report” ein Foto bekannt, in dem er sich für eine Charity mit einem Schleier kostümiert.
Erst seit 2019 im Nationalrat
In den Nationalrat schaffte es Stocker erst 2019. Drei Jahre später machte der damalige ÖVP-Chef Karl Nehammer ihn zum Generalsekretär, nachdem er sich quasi als Pflichtverteidiger der eigenen Partei im Untersuchungsausschuss bewährt hatte und man nach der auffälligen Laura Sachslehner wieder eine stabilere Positionierung in der Parteizentrale wünschte.
Stocker stand weiter seinen Mann, organisierte recht erfolgreiche Wahlkämpfe und vertrat unerschütterlich das damalige Partei-Mantra “Nicht mit Kickl”. Dass just er nach dem Scheitern der Dreier-Verhandlungen und dem Rückzug Nehammers plötzlich die Führung übernahm und mit der FPÖ unter Herbert Kickl zu verhandeln begann, brachte ihm einiges an Häme ein. Sogar daheim musste er sich erklären, wie Stocker in Interviews kundtat.
Letztlich hätte er sich die Runden mit den Freiheitlichen sparen können. Die von der Härte des FPÖ-Chefs überraschte ÖVP verlor recht rasch die Freude an der Vizekanzlerschaft und schielte wieder in Richtung Ballhausplatz. Stocker selbst sagten die Freiheitlichen kein böses Wort nach. Selbst war er ohnehin zu kurz im Amt, als dass er im Alleingang in der Partei etwas bestimmen hätte können.
Erster Chef einer Dreier-Koalition
Nun ergriff er eben die zweite Chance und verhandelte sich recht flott mit SPÖ und NEOS in Richtung Regierungszusammenarbeit. Vor ihm steht nun eine Aufgabe, wie sie Österreich seit der Nachkriegszeit nicht mehr kannte – im Bund ein Regierungsorchester aus drei Parteien zu dirigieren, die in den vergangen Jahren jeweils eigene Töne angeschlagen hatten. Aus der Bahn werfen wird das Stocker, wie man ihn bisher erlebt hat, kaum. Und wenn man in der ÖVP dereinst auf die Idee kommen würde, dass man jetzt einmal jemand Jüngeren für die nächste Wahl positionieren müsse, wird Stocker mit Sicherheit nicht auf seinem Sessel kleben bleiben.
Zu tun hätte er auch abseits der Politik genug. Neben der Tätigkeit in seiner Kanzlei frönt er Hobbys wie Golf, Fliegenfischen und Musizieren mit dem Tenorsaxofon.
Zur Person: Christian Stocker, geboren am 20. März 1960 in Wiener Neustadt, Volksschule und Gymnasium ebenda, Jus-Studium in Wien, Anwaltskanzlei in der Heimatstadt. Ab 2000 Stadtparteiobmann und Vizebürgermeister in Wiener Neustadt, seit 2019 Abgeordneter zum Nationalrat. Ab Herbst 2022 Generalsekretär der ÖVP. Seit Jänner designierter Bundesparteiobmann der Volkspartei.